Münsingen in Baden-WürttembergAm 31. März 2004, um exakt 12.38 Uhr, ging in Münsingen bei Stuttgart (Karte) eine Ära zu Ende, die fast 90 Jahre lang gedauert hat. An diesem Tag schloss die Herzog-Albrecht- Kaserne ihre Pforten, die Anfang der 1960er- Jahre auf dem Gelände des 1915 erbauten Neuen Lagers entstanden ist. Mehr als eine Million Menschen verbrachten dort mehr oder weniger lang einen Teil ihres Lebens. Die meisten als Soldaten. Viele als Heimkehrer, Vertriebene oder Gefangene. Jugendgruppen, Vereine und Gewerbetreibende waren dort ebenfalls zeitweise untergebracht.

Schneeschuh- und GebirgskompanieIm Jahr 1915 hat alles begonnen. Das Württembergische Kriegsministerium ordnet an, nahe des knapp 20 Jahre zuvor angelegten Truppenübungsplatzes in Münsingen, ein zweites Barackenlager für Soldaten zu bauen. Bereits ein Jahr später sind im Neuen Lager, wie es die Militärs nennen, knapp 1.500 Männer stationiert. Einer der Verbände ist das Ersatzgebirgsbataillon, das die Aufbau- und Ausbildungsarbeit für das aus der württembergischen Schneeschuh- und Gebirgskompanie entstandene Gebirgsbataillon leitet (Foto). Unter anderen ist Leutnant Erwin Rommel im Lager, der Jahre später als erfolgreicher Feldherr in die Geschichte eingeht.
Postkarte 1920
Die Rüstungsbeschränkungen des Deutschen Reiches legen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges das Lager militärisch brach. Die 38 Holzbaracken dienen von 1919 an für kurze Zeit als Durchgangslager für Kriegsheimkehrer.

Zehn Jahre später ziehen junge Leute in das Lager ein. Der Schwäbische Albverein eröffnet  die erste Jugendherberge in Münsingen. Während dieser Zeit bilden sich überall in Deutschland Bürgergruppen, die sich für einen „Freiwilligen Arbeitsdienst” einsetzen. 1931 auch in Tübingen. Untergebracht sind die Studenten und Arbeitslosen im Neuen Lager, geleitet von Carlo Schmid, der Jahre später in der SPD Karriere macht.

Neues Lager 1937

Mit den Kriegsvorbereitungen des nationalsozialistischen Deutschland kommt 1936 mit einer so genannten Erziehungseinheit wieder militärisches Leben auf das Gelände. Drei Jahre später ist neben anderen Einheiten auch  die 125. Infanteriedivision, die „Wiesel”-Division, im Lager stationiert. Anfang der 1940er-Jahre sind dort 2.200 Soldaten und 150 Pferde untergebracht. Ende 1943 stellen die Militärs die 4. Italienische Gebirgsdivision „Monte Rosa” auf. Die Soldaten wohnen im Neuen und im Alten Lager. Ein Jahr später quartiert sich die russische Wlassow-Armee ein, die in Diensten der deutschen Wehrmacht steht.

Nach Kriegsende übernehmen 1945 die Franzosen nicht nur den Truppenübungsplatz, sondern auch Altes und Neues Lager. Wenig später stecken sie Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in die baufälligen Baracken. Die Männer stammen überwiegend aus Polen. Das Lager, das unter Aufsicht der UN-Flüchtlingsorganisation UNRRA steht, heißt zu dieser Zeit PDR-Lager (Personnes Déplacés et Réfugiés).
Neues Lager Mitte der 50er-Jahre
Ende der 1940er-Jahre sind dort noch rund 1.000 Menschen untergebracht. Anfang der 1950er-Jahre gehört das 16 Hektar große Gelände wieder Deutschland. Die Franzosen haben es zurückgegeben. Sie hatten keinen Bedarf mehr dafür. Im Gegensatz zum Truppenübungsplatz und zum Alten Lager. Diese militärischen Anlagen behalten sie bis zu ihrem Abzug im Jahr 1992.

Mitte der 1950er-Jahre kommt wieder Leben in die zum Teil sehr in Mitleidenschaft gezogenen Baracken. Einige ortsansässige Firmen mieten sich im Neuen Lager ein. Sie bleiben aber nicht lange, denn die Verträge werden bald wieder gekündigt.

Major Gottfried TornauDie Bundeswehr nimmt das Angebot des Münsinger Bürgermeisters Erwin Volz an, die dringend renovierungsbedürftige Anlage als Kaserne zu übernehmen. Am 22. September 1958 ist es so weit. Münsingen wird wieder Garnisonstadt. Kommandeur Major Gottfried Tornau (Foto) rückt mit seinem Panzerbataillon 310, das wenig später die Kennzahl 303 erhält, ins Neue Lager ein. Zwei Wochen danach präsentieren sich die 700 Soldaten vor dem Rathaus zum ersten Mal in der Öffentlichkeit.

Mit dabei sind die  Männer des neuen Feldartilleriebataillons 295, das seit Oktober 1958 in der Kaserne ist. Mitte Januar 1959 verlässt der junge Verband die Alb Richtung Immendingen.

Zwei Wochen später wird das Neue Lager  bereits wieder mit neuen Soldaten aufgefüllt. Und zwar mit den Männern des Beobachtungsbataillons 270. Auch dieses Gastspiel  ist nur von kurzer Dauer. Ende 1959 ziehen sie Richtung Großengstingen in die Eberhard-Finckh-Kaserne um.

1962 fasst das Verteidigungsministerium den Entschluss, die baufälligen Baracken abzureißen und eine moderne Kaserne zu bauen, nachdem „303” Anfang des Jahres in die Rommel-Kaserne in Dornstadt umzieht. Offizielle Einweihung der rund 30 Millionen Mark teuren Neubauten ist am 15. Dezember 1965. Seit diesem Tag heist die militärische Anlage Herzog-Albrecht-Kaserne.

Knapp drei Jahre später lassen sich unter anderen Bundespräsident Heinrich Lübke, Verteidigungsminister Gerhard Schröder, Ministerpräsident Hans Filbinger, Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier und Altbundeskanzler Ludwig Erhard die neuen Unterkunftsgebäude zeigen.

Sage und schreibe 40.000 Menschen strömen Mitte 1971 in die Kaserne, die einen „Tag der offenen Tür”' veranstaltet. Hausherr ist das Panzerbataillon 304, das 1961 aus Teilen von „303” hervorgegangen ist.
Dynamische Waffenschau mit allen Bataillonen
Fünf Jahre später geht es eng in der Kaserne her. Neben „304” sind inzwischen  noch das Panzerbataillon 283 und das Panzerartilleriebataillon 285 untergebracht. Mit  1.200 Soldaten kommt die militärische Anlage an die Grenzen ihrer Kapazität. Deshalb beschließt 1977 die Bundeswehr, die Kaserne um sechs Hektar zu vergrößern und auf der gegenüberliegenden Straßenseite  ein Hallenschwimmbad zu bauen. Völlig überraschend kommt 1980 der Befehl aus dem Verteidigungsministerium, dass das Panzerbataillon 304 im Jahr 1981 außer Dienst gestellt werde.
Die ersten Wiesel fahren in die Herzog-Albrecht-Kaserne
Elf Jahre später trifft „283” das gleiche Schicksal. Jenes Bataillon, das lange Zeit als eines der modernsten Panzerverbände des Heeres galt, da es Mitte der 1970er-Jahre mit dem kampfstärksten Panzer dieser Zeit, dem Leopard 1 A4, ausgestattet worden war. Die meisten Panzersoldaten wechseln in das 1992 neu aufgestellte Fallschirmpanzerabwehrbataillon 283 (Foto).

Ihre Versetzung ist nicht von langer Dauer. Am 19. September 1996 löst sich der so genannte „Wiesel”-Verband bereits wieder auf. Jetzt ist nur noch das rund 500 Mann starke Panzerartilleriebataillon 285 in der Herzog-Albrecht-Kaserne.
Herzog-Albrecht-Kaserne 2003
„Als schlechten Scherz” bezeichnen viele Soldaten die Meldung der Münsinger Lokalzeitung „Alb Bote” (Südwest Presse), die am 14. Dezember 2000 zum ersten Mal berichtet, die Kaserne werde nach den neuesten Strukturplänen der Hardthöhe auf absehbare Zeit geschlossen. Es dauert mehrere Monate, bis das Verteidigungsministerium offiziell mitteilt, dass dieser Artikel den Tatsachen entspricht und die Herzog-Albrecht-Kaserne zum 31. März 2004 ihre Pforten schließt.

An diesem Tag soll auch die traditionsreiche Geschichte des Panzerartilleriebataillons 285 enden, das fast drei Jahrzehnte lang am Standort war. Mit einem Großen Zapfenstreich verabschieden sich die 500 Soldaten, die danach mit dem Ausräumen der Kaserne und dem Verfrachten der Panzerhaubitzen  beginnen.
Am 31. März 2004 findet die letzte Flaggenparade in der Herzog-Albrecht-Kaserne statt
Das letzte militärische Zeremoniell in der Kaserne findet am 31. März 2004 an der Wache statt. An diesem Tag holen die restlichen 30 Soldaten zum letzten Mal die Bundesdienstflagge ein (Foto). Damit endet die fast 90-jährige Ära der Garnison in Münsingen.

Noch im selben Jahr übernimmt die Stadt das 22 Hektar große Gelände und lässt alle Gebäude und Hallen abreißen.  Inzwischen stehen dort 190 Ein- und Zweifamilienhäuser.

 

Abriss der ehemaligen Kaserne im Jahr 2005

Kommandeure in der Herzog-Albrecht-Kaserne:

Panzerbataillon 310 / 303
1958 bis 1959: Major Gottfried Tornau
1960 bis 1962: Major Gerhard Lange
*Der Verband verlegt Anfang 1962 nach Dornstadt.

Feldartilleriebataillon 295
1958 bis 1959: Major Friedrich Franz
*Der Verband verlegte Anfang 1959 nach Immendingen.

Beobachtungsbataillon 270
Anfang 1959 bis Mai 1959: Major Walter Sorg
Juni 1959 bis Ende 1959: Oberstleutnant Horst Maas
*Der Verband verlegte im Winter 1959 nach Großengstingen.

Panzerbataillon 304
1961 bis 1965: Major Kurt Röhl
1965 bis 1969: Major Horst Lösser
1969 bis 1970: Oberstleutnant Georg Freiherr von Waldenfels
1970 bis 1974: Oberstleutnant Klaus Pietscher
1974 bis 1977: Oberstleutnant Helmut Wolfsteiner
1977 bis 1981: Oberstleutnant Hans-Georg Estor

Panzerartilleriebataillon 285
1976 bis 1981: Oberstleutnant Heinrich Müller
1981 bis 1983: Oberstleutnant Reinhold Kreilinger
1983 bis 1986: Oberstleutnant Hilmar Schimkus
1986 bis 1990: Oberstleutnant Walther-Theo Fock
1990 bis 1993: Oberstleutnant Hans-Joachim Klotz
1993 bis 1995: Oberstleutnant Heinz-Joachim Heib
1995 bis 1997: Oberstleutnant Markus Kneip
1997 bis 2001: Oberstleutnant Berthold Lesch
2001 bis 2003: Oberstleutnant Harald Kammerbauer
*S3 Major Andreas Birk löste im Frühjahr 2004 den Verband auf.

Panzerbataillon 283
1976 bis 1978: Oberstleutnant Dieter Roschinski
1978 bis 1982: Oberstleutnant Gottlieb Wilhelm Ebbecke
1982 bis 1984: Oberstleutnant Friedrich Freiherr von Senden
1984 bis 1987: Oberstleutnant Siegfried Knorz
1987 bis 1991: Oberstleutnant Rudolf Thamm
1991 bis 1992: Oberstleutnant Günther Guderian

Fallschirmpanzerabwehrbataillon 283
1992 bis 1994: Oberstleutnant Günther Guderian
1994 bis 1996: Oberstleutnant Volker Halbauer
*S3 Major Alexander Claus löste im Sommer 1996 den Verband auf.

 

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